DIE GESCHICHTE
VON KALLMÜNZ

Als die ersten Künstler um 1900 nach Kallmünz kamen, konnten sie fürwahr einen Ort neu für sich entdecken: einen Ort mit bäuerlicher Prägung, ursprünglich und karg im Landschaftsbild, mit einer Bevölkerung, die sich in Sprache und Lebensart deutlich vom Oberland unterschied.“

Was machte den Ort so attraktiv? Es war vor allem die ungewöhnliche Landschafts- und Ortsstruktur: ein Burgberg aus Dolomitkalk mit einer romantischen Burgruine, eingefasst von den Flüssen Naab und Vils, eine steinerne Brücke ähnlich der in Regensburg, alte Häuser, enge Gassen, Wälder und karge Jurahänge.

Die malerische Landschaft des Umfelds inspirierte die Kunstschaffenden jener Zeit besonders. Immer mehr zog es sie hinaus in die Natur, auf der Suche nach ursprünglichen Motiven.

Kaum ein anderer Ort im ländlichen Raum wurde von Künstlern jener Zeit in vergleichbarer Dichte gemalt, gezeichnet und aquarelliert. Die Künstler fanden hier genau das, was die Freiluftmalerei um 1900 suchte: Licht, Landschaft und unmittelbare Anschauung.

Kallmünz wurde um 1900 zu einem bedeutenden Künstlerort in Bayern. Den entscheidenden Anstoß gab der Münchner Maler und Professor Charles Johann Palmié, der den Ort 1901 entdeckte und Kallmünz als „Perle des Naabtals“ bezeichnete. Er machte das Gasthaus „Zur Roten Amsel“ zu einem Treffpunkt für Künstler und brachte Kollegen und Schüler nach Kallmünz.

Die Zahl der Künstler war deutlich größer als die häufig genannten Namen Vassily Kandinsky, Gabriele Münter und Charles Palmié. Das Gästebuch der Familie Habla in der „Roten Amsel“ nennt für die Zeit zwischen 1903 und 1950 etwa 80 akademische Maler, die zum Teil bis zu drei Monate in Kallmünz verweilten. Dabei haben sich bei Weitem nicht alle Künstler in das Fremdenbuch eingetragen.

Es entstand eine regelrechte Künstlerkolonie. Interessant ist jedoch, dass diese Künstlerkolonie keine feste Künstlergemeinschaft war. Vielmehr war Kallmünz ein Netzwerk aus Malschulen, Künstlern, Schülern und Freunden, die für einige Wochen oder Monate kamen, gemeinsam arbeiteten und anschließend wieder weiterzogen.

„Zwei Künstler blieben Josef Georg Miller (1905–1983) und Hans Geistreiter (1910–1996). Für beide wurde Kallmünz zu einem wesentlichen Bestandteil ihres künstlerischen Lebens.

Über Josef Georg Miller schrieb der damalige Redakteur der Mittelbayerischen Zeitung Fritz Gebhardt, heute bekannt als Eugen Oker, anlässlich eines Besuches im Jahr 1948:

„… jedes einzelne (Bild) ein Kunstwerk und wert, in einer Ausstellung zu hängen … In der Ausdrucksform möchten wir ihn zwischen Van Gogh und Schmidt-Rottluff festlegen, doch sprengt seine Eigenwilligkeit jeden Rahmen. Ein Expressionist mit einem unerhörten Können … Wir glauben nicht falsch zu urteilen, wenn wir ihn neben Xaver Fuhr als den bedeutendsten Maler in unserem Heimatgebiet betrachten.“

Über Hans Geistreiter schrieb Ulrich Kelber: Verkannter Vorkämpfer für die abstrakte Kunst. Zum Tod des Regensburger Malers und Kulturpreisträgers Hans Geistreiter. In: Regensburger Almanach 1997.

„Aber dieser Vorreiter der abstrakten Malerei ließ sich nicht beirren. Wo andere Künstler Kompromisse machten und durchaus auch die Verkäuflichkeit ihrer Werke ins Kalkül zogen, suchte er nicht den Erfolg zu erzwingen, sondern wahrte heitere Gelassenheit, ließ in seinen Bildern mit kräftigen, fröhlichen Farben eine bizarre Traumwelt entstehen …“

Es war und ist immer wieder der Blick von außen, der Einfluss auf die Entwicklung und Wahrnehmung von Kallmünz nimmt.

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich zeitgemäße Ausdrucksmöglichkeiten und unterschiedliche künstlerische Positionen in der Auseinandersetzung mit dem Ort entwickelt: Fotografie, Video, Rauminstallationen, Kunst im öffentlichen Raum, Skulptur, Objekte oder Bild- und Mediencollagen. Malkonventionen, die einst modern waren, haben sich überholt. Heute zeigen sie uns eindringlich den Wandel der Zeit und die Veränderung des Ortes.

Das Buch „Ein Spaziergang durch Kallmünz“ des Bergvereins Kallmünz, entstanden anlässlich der Ausstellung „120 Jahre Perle des Naabtals“, zeigt in einem Zeitraffer, wie sich der Ort und seine Kulturlandschaft im Vergleich zu heute verändert haben.

Ein Zitat der Dresdner Künstlerin Elsa Boyen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kallmünz malte, vermittelt uns ein Gefühl aus vergangenen Zeiten:

„Die Künstler können sich nichts Schöneres denken. Da fehlen nicht die bunten malerischen Häuschen mit den Terrassen und Treppchen, die sich im Fluss spiegeln und einen fast italienischen Eindruck machen, nicht die seltenen Felsformationen, die steil zum Wasser abfallen, so dass der Beschauer sich beinahe nach Norwegen versetzt glaubt, nicht die grünen Matten, die ihn wie Schweizer Almen anmuten, auch nicht die schattigen Laubwälder, die ihn doch nicht vergessen lassen, dass er in Deutschland ist.“

Ein Gefühl, das trotz aller Veränderungen im Ort und in der Landschaft auch den heutigen Besucher von Kallmünz ergreifen kann.

Malerweg Kallmünz